Forschung bedeutet, Fragen zu stellen und Antworten zu finden. In jeder Ausgabe des Newsletters wird eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler unserer Fakultät eine Ihrer Fragen beantworten. Dieses Mal:
„Quo vadis Bildungssystem? Wie machen wir unser Bildungssystem resilient für aktuelle und zukünftige Krisen?“
Ingrid Gogolin: „Ich schaue auf diese Frage aus der Perspektive der sprachlichen Bildung in unserer Einwanderungsgesellschaft. Durch Krisen ausgelöste Herausforderungen an das Bildungssystem werden zukünftig in kürzeren Abständen entstehen und Reaktionen erfordern. Im März haben wir während der BMBF-Tagung „Chance Bildung“ über aktuelle Beispiele wie Fachkräftemangel und Fluchtmigration diskutiert.
Ich erläutere das einmal an der Herausforderung der sprachlichen Bildung. Deren Gestaltung sollte weitreichende Veränderungen der Anforderungen an sprachliche Fähigkeiten berücksichtigen, die sich etwa infolge von neuen Technologien und Entwicklungen am Arbeitsmarkt stellen. Zudem muss die Herausforderung gemeistert werden, dass die sprachlichen Bildungsvoraussetzungen der Schülerschaft sich enorm verändert haben. Eine Ursache dafür ist sprachliche Vielfalt infolge von Migration. Meine Beobachtung ist, dass die bisherige Praxis der vor allem projektförmigen, unsystematischen Reaktionen auf diese Herausforderungen nicht zu den gewünschten Erfolgen geführt hat. Insbesondere die Praxis, auf „neue Krisen“ durch eilige Errichtung von „Notmaßnahmen“ zu reagieren, die nach der vermeintlichen oder tatsächlichen Krisenbewältigung wieder abgebaut werden, hat sich nicht bewährt.
Ergebnisse der Bildungsforschung geben Hinweise auf Stellschrauben im Bildungssystem, die gedreht werden müssten, um (nicht nur) in der sprachlichen Bildung auf den Wandel der Anforderungen besser eingestellt zu sein. Eine Voraussetzung dafür ist es anzuerkennen, dass auch künftig der Wandel nicht linear vonstattengehen wird, sondern abrupt und diskontinuierlich. Daher muss das Bildungssystem darauf eingerichtet werden, dass der Umgang mit Diversität, Unvorhergesehenem und Störungen nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall ist und sein wird. An bildungs- und forschungspolitisch Verantwortliche richtet sich aus meiner Sicht die Anforderung, in Strukturen und Qualifikationen zu investieren, die die Adaption an den Wandel ermöglichen. Dazu gehört nicht zuletzt ein neues Zeitregime für die Förderung von Maßnahmen: an die Stelle kurzfristig angelegter Projekte wären verlässliche Entwicklungspartnerschaften zwischen Forschung und Praxis sinnvoll und nachhaltig wirksam.“
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ingrid Gogolin ist Professorin für Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Der Text basiert auf ihrem Beitrag zur Tagung „Chance Bildung“ des BMBF, 14. und 15. März 2023 in Berlin.